Wir hatten einen großen Garten im Bungert unterhalb der Ruine Löwenburg. Darin wurden, neben Obst und allerhand Sorten Gemüse, auch immer viele Blumen angepflanzt. Überall, entlang den Pfaden blühten sie, die Osterglocken, Iris in allen Farben, prächtige Gladiolen, bunte Astern, einfach und gefüllt, Tausendschön und Dahlien in allen Formen und Arten. Es gab auch alte Fliederbäume und wunderschöne gefüllte Bauernrosen, von denen meine Schwester und ich als Kinder annahmen, betört von ihrem Duft, dass sie aus dem einstigen Burggarten stammten und ganz früher sicher den Gräfinnen genau so gefielen wie uns.
In den 40er und 50er Jahren war es in Gerolstein noch Sitte, schöne Sträuße aus Privatgärten ins Pfarrhaus zu liefern. Sie dienten als Altarschmuck. Das war schon etwas Besonderes, wenn man Sonntags im Hochamt die eigenen Blumen am Altar sehen konnte. Aber auch Frau Weinand aus der Metzgerei nebenan, legte großen Wert darauf, ihre Bodenvase im Laden immer mit frischen Blumen zu füllen. Sie hatte selbst keinen Garten. Darum lieferten wir ihr manch schönen Strauß.
Diesmal hatte Mutter einen Korb voller Gladiolen heimgebracht. Während sie die langstieligen Schönheiten sortierte und zu Sträußen zurechtlegte, fragte sie mich, ob ich ins Pfarrhaus gehen würde. Ich aber hatte die Scheibe Wurst im Sinn, die ich von Frau Weinand jedes Mal für einen Strauß erhielt und sagte:
„Och, lass das meine Schwester doch machen, die kann besser reden. Ich spreche nicht gerne mit so vornehmen Leuten. Da wird man immer etwas über fromme Dinge gefragt, und ich weiß nie was ich dann sagen soll!“
Ich kannte Mutter. Sie ging immer darauf ein, wenn ich mich als Jüngste als ein wenig unsicher darstellte. Sie gab kurzerhand die Order an meine ältere Schwester aus, sie soll noch schnell die Gladiolen ins Pfarrhaus bringen, bevor sie verwelken. Da es solch schöne Blumen waren, tat die es auch gerne und kam mit einem Heiligenbildchen vom hl. Aloysius als Dank dafür zurück.
Mit meiner Blumenlieferung nach nebenan hatte ich noch warten müssen, denn der Laden war, wie jeden Tag grad mit heißem Sodawasser frisch geputzt worden, und als ich dachte, dass die Fliesen trocken waren, nahm ich die Blumen, steckte aber die gelben nach außen, denn Gelb liebte die Metzgerfrau ganz besonders. Ich wusste es ja, sie strahlte:
„Du hast mir sicher die schönsten Gladiolen ausgesucht?“
Ich zuckte die Schulter: „Ich glaube...!“
„Dann kriegst du auch ein besonders dickes Stück Fleischwurst!
Du teilst das ja mit deinen Geschwistern, denn es ist genug für euch drei!“
Zwar schlachteten wir selbst, aber es gab nur Hausmacher-Blut- und- Leberwurst und jetzt, im August, war die längst verzehrt, und es dauerte noch bis zum November, wenn wieder mal geschlachtet wurde, und wir endlich wieder Wurst zu essen bekamen.
Brav bedankte ich mich für die dicke Scheibe und lief damit schnell nach Haus. Besser gesagt, am Haus vorbei, unten zum Holzplatz hin, wo niemand mich sehen konnte.
Ich biss in die Wurst, nur ein wenig, nah am Rand.
Ehrlich, nur um zu schmecken, ob sie auch schmeckte.
Und wie sie schmeckte!
Bei jedem Bissen sogar besser!
Und als sie fast aufgegessen war - und ich konnte schon nicht mehr - ja da musste das letzte Zipfelchen doch auch noch beseitigt werden. Denn sonst hätte ich bestimmt Schimpfe bekommen, weil ich so wenig für die anderen übrig ließ.
Ich trollte mich noch eine Zeit am Holzplatz herum, jagte unsere Hühner und den Hahn lustlos ein wenig hin und her. Dann fingen die Bauchschmerzen an. Ich ging in die Küche und legte mich auf die Couch und klagte so sehr, dass Mutter, obwohl sie anderweitig beschäftigt war, kommen und das Feuer im Herd anzünden musste, um mir einen Pfefferminztee zu kochen.
Ich bereute meine Tat, nahm mir vor, das nie nie nie wieder zu tun.
Ja, und dann kam der Herbst, und ich brachte Frau Weinand diesen Dahlienstrauß, in den Farben lila und rosa, aus riesigen gezackten zweifarbigen Blüten, mit ganz kleinen weißen Pompondahlien dazwischen. Eine wahre Pracht.
Das Stück Kalbsleberwurst, das sie mir gab, war entsprechend prachtvoll.
Wie hieß die? Kalbs-leber-wurst?
Nie in meinem neunjährigen Leben hatte ich Kalbsleberwurst gegessen. Wie mag die denn überhaupt schmecken? Sie roch ja so köstlich als ich sie aus dem Papier wickelte.
Vorsorglich schon unten am Holzplatz.
Es ist schnell erzählt. Nachdem sie aufgegessen war, gesellte sich zu den Bauchschmerzen eine nie gekannte Übelkeit. Schon auf den Stufen zu unserm Haus konnte ich sie nicht bei mir behalten.
Als ich noch gestützt gegen die Hauswand stand, kam die Katze von „Rejine“ zu mir und entfernte – Gott sei gedankt - alle verräterischen Spuren.
Von dem Tag an brachte ich die Wurstgeschenke immer direkt durch die Haustüraustür heim und teilte sie redlich mit den Geschwistern.
Wenn ich bei meinen Enkelkindern bin, mache ich ihnen die größte Freude, aus meiner Kindheit zu erzählen, aus dieser komischen Zeit als man Berge von Kartoffeln im Keller liegen hatte, Milch in der Kanne kaufte, weder Kaugummi noch Fernsehen kannte und im Winter sich einen im Backofen angewärmten Ziegelstein ins Bett legte. Sie stellen viele Fragen, vor allem nach immer weiteren Geschichten. So schnell geht mir der Stoff nicht aus.